Retardant bei Vegetationsbränden: Ein weiteres Werkzeug für die Einsatzkräfte
Aktualisiert: 5. Aug.

Der Einsatz des A400M mit einem Löschmittel-Abwurfsystem bei Bordeaux hat gezeigt, dass Retardant auch in Europa zunehmend in den Fokus rückt. Das Mittel könnte künftig einen festen Platz im großen Werkzeugkasten zur Bekämpfung ausgedehnter Vegetationsbrände einnehmen.
Retardant ist kein Ersatz für klassische Löschverfahren. Es kann jedoch dabei helfen, die Ausbreitung eines Feuers zu verlangsamen, Flanken zu stabilisieren, besonders gefährdete Bereiche zu schützen oder Einsatzkräften Zeit für weitere Maßnahmen zu verschaffen.
Erste Erfahrungen in Deutschland
Nach meinem Kenntnisstand wurde Retardant in Deutschland erstmals beim Waldbrand im Harz im Jahr 2024 aus einem Flugzeug eingesetzt. Ich erinnere mich noch gut an die damalige Lagebesprechung, in der über diesen Einsatz entschieden wurde.
Die Abwägung zwischen möglichen Auswirkungen auf Natur und Umwelt auf der einen Seite und dem erwarteten taktischen Nutzen auf der anderen Seite nahm einen erheblichen Teil der Beratung ein. Gerade bei neuen Einsatzmitteln sind solche Entscheidungen notwendig und richtig.
Inzwischen wurde Retardant nach den mir vorliegenden Informationen auch bei mindestens zwei Vegetationsbränden in Brandenburg durch Löschfahrzeuge ausgebracht. Auch dort soll sich der Einsatz grundsätzlich bewährt haben.
Derzeit sind nach meinem Kenntnisstand mehrere Anbieter beziehungsweise Lieferanten entsprechender Produkte und Systeme in Deutschland aktiv, unter anderem:
Dr. Sthamer
Mainfire
Dönges
Welches Produkt oder System für welchen Einsatz die beste Lösung darstellt, kann und möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten. Unterschiede können unter anderem bei der Konzentration, den Umwelteigenschaften, der Lagerung, der Zumischtechnik und den jeweiligen Anwendungsmöglichkeiten bestehen.
Entscheidend ist, dass wir uns als Einsatzkräfte frühzeitig mit dem Thema beschäftigen. Nur ein Verfahren, das bekannt, vorbereitet und geübt ist, kann im Einsatz schnell und sicher genutzt werden.

Zumischer 400 Ltr und 800 Ltr / Min bis 20% , Bild JOLA-Rent Eine erste praktische Hilfestellung
Die folgenden Hinweise sollen eine Orientierung für die Planung eines Retardant-Einsatzes geben. Da in Deutschland und Europa bislang nur begrenzte praktische Erfahrungen vorliegen, handelt es sich ausdrücklich nicht um eine abschließende Einsatzanweisung.
Die Vorgaben der Hersteller sowie die jeweiligen Produktinformationen und Sicherheitsdatenblätter sind zwingend zu beachten. Vor der Einrichtung einer Zumisch- oder Befüllstelle muss zunächst feststehen, wie das Mittel ausgebracht werden soll. Davon hängen der Standort, der Flächenbedarf, die notwendige Technik und die erforderliche Wasserversorgung ab.
Der Standort sollte außerdem so gewählt werden, dass er auch bei einer Änderung der Windrichtung nicht durch das Feuer oder durch Rauch gefährdet wird.
1. Ausbringung über Löschfahrzeuge oder Betankung von Luftfahrzeugen
Soll Retardant über Löschfahrzeuge ausgebracht oder zur Betankung eines Luftfahrzeugs bereitgestellt werden, sind insbesondere folgende Punkte zu berücksichtigen:
Standort und Verkehrsführung
Die Fläche muss über eine gute An- und Abfahrtsmöglichkeit verfügen. Für einen geordneten Betrieb sollte eine Bewegungsfläche von ungefähr 20 × 50 Metern eingeplant werden.
Bereits bei der Vorbereitung sollte eine klare Raumordnung festgelegt werden. Bei mehreren beteiligten Fahrzeugen kann beispielsweise eine Einbahnstraßenregelung sinnvoll sein. Warte-, Befüll- und Abfahrtsbereiche sollten eindeutig voneinander getrennt werden.
Wasserversorgung
Die Wasserversorgung muss stabil und dauerhaft leistungsfähig sein. Sie darf andere Löschmaßnahmen an der Einsatzstelle nicht wesentlich beeinträchtigen.
Für die Zumischung sollte ein Löschfahrzeug mit einer Pumpenleistung von mindestens 1.000 Litern pro Minute bei 7 bar zur Verfügung stehen.
Zusätzlich werden in der Regel benötigt:
B- und C-Schlauchmaterial
geeignete Armaturen und Übergangsstücke
ein Absperrorgan am Ende der Füllleitung
eine geeignete Zumischeinrichtung
ausreichend Reserve- und Spülwasser
Je nach verwendetem Produkt und gewünschter Konzentration können beispielsweise Zumischer mit einer Leistung von 400 oder 800 Litern pro Minute und einer einstellbaren Zumischrate von bis zu 20 Prozent eingesetzt werden.
Logistik der Gebinde
Retardant wird häufig in IBC-Behältern bereitgestellt. Abhängig vom Produkt und der Gebindegröße können diese ein Gewicht von ungefähr 1,5 Tonnen erreichen.
Zum Entladen und Bewegen der Behälter ist daher ein geeigneter Gabelstapler oder Teleskoplader erforderlich. Auch die Tragfähigkeit und Befahrbarkeit der Fläche muss berücksichtigt werden.
Durchnässung und Bodenverhältnisse
Bei einem längeren Betrieb ist damit zu rechnen, dass die Fläche zunehmend durchnässt. Ursachen hierfür können unter anderem sein:
überlaufende Fahrzeugtanks
das An- und Abkuppeln von Schläuchen
Restmengen in Leitungen
Spülvorgänge
Undichtigkeiten oder Tropfverluste
Besonders auf unbefestigten Flächen kann sich die Befahrbarkeit dadurch erheblich verschlechtern. Die Entwässerung und die langfristige Nutzbarkeit der Zu- und Abfahrten müssen deshalb von Beginn an berücksichtigt werden.

Bild BF Bozen Martin Gasser
2. Ausbringung mit Hubschraubern
Soll das Retardant mit einem Hubschrauber aufgenommen und ausgebracht werden, steigen die Anforderungen an die Raumordnung und die Sicherheit der Befüllstelle deutlich.
Zusätzlich zu den Fahrzeugen und der Zumischtechnik wird ein geeigneter Aufnahmebehälter benötigt.
Faltbehälter oder Abrollcontainer
Für die Aufnahme mit einem Bambi Bucket sollte der Behälter eine ausreichende Tiefe besitzen. Als Mindestmaß sind etwa 1,5 Meter, besser jedoch 2 Meter, anzustreben.
Alternativ kann ein geeigneter Abrollcontainer verwendet werden. Dabei sind jedoch besondere Anforderungen zu beachten:
ausreichende Tiefe und Breite
absolut dichte Ausführung
geeignete Füllleitung
keine Querverstrebungen im Innenbereich
keine Seile, Haken oder hervorstehenden Bauteile
möglichst glatte Innenflächen
Das Bambi Bucket darf sich beim Eintauchen oder Herausheben keinesfalls an Einbauten, Kanten oder Befestigungspunkten verhaken.
Abstand zur Zumischstelle
Zwischen dem Aufnahmebehälter und der eigentlichen Zumischstelle sollte ein Abstand von mindestens 50 bis 100 Metern eingehalten werden.
Im Umfeld des Aufnahmebehälters dürfen sich keine losen Gegenstände befinden. Zelte, Sonnenschirme, leichte Absperrungen, Planen oder ungesicherte Ausrüstung können durch Downwash und Sidewash erfasst und weggeschleudert werden.
Der Bereich muss deshalb konsequent freigehalten und abgesichert werden.
An- und Abflug
Für den Hubschrauber ist ein freier An- und Abflugbereich erforderlich. Hindernisse wie Stromleitungen, Telefonleitungen, Masten oder hohe Bäume stellen erhebliche Gefahren dar.
Der Aufnahmebereich sollte nach dem Grundsatz eingerichtet werden:
So weit von der Brandfläche entfernt wie nötig, aber so nah wie sicher möglich.
Kurze Rotationszeiten sind ein entscheidender Faktor für den Einsatzerfolg. Gleichzeitig darf die Befüllstelle weder durch das Feuer noch durch eine mögliche Winddrehung gefährdet werden. Planung vor dem Einsatz
Der erfolgreiche Einsatz von Retardant beginnt nicht erst an der Einsatzstelle. Bereits im Vorfeld sollten unter anderem folgende Fragen geklärt werden:
Welches konkrete Einsatzziel soll erreicht werden?
Soll das Mittel über Fahrzeuge, Hubschrauber oder Flugzeuge ausgebracht werden?
Welche Konzentration ist für das eingesetzte Produkt vorgesehen?
Wo befinden sich geeignete Zumisch-, Befüll- oder Aufnahmeflächen?
Welche Wassermenge wird dauerhaft benötigt?
Welche Pumpen- und Zumischleistung ist erforderlich?
Wie werden IBC-Behälter transportiert und bewegt?
Wie wird verhindert, dass andere Löschmaßnahmen beeinträchtigt werden?
Wie wird die Fläche bei einer Winddrehung geräumt?
Welche Umwelt- und Sicherheitsauflagen sind zu beachten?
Gemeinsam Erfahrungen sammeln
Retardant wird auch in Europa künftig voraussichtlich häufiger zum Einsatz kommen. Damit steigen zugleich die Anforderungen an Ausbildung, Logistik, Technik, Taktik und Umweltverträglichkeit.
Wir alle stehen bei diesem Thema noch am Anfang. Umso wichtiger ist es, Einsatzerfahrungen offen auszuwerten, unterschiedliche Verfahren zu vergleichen und daraus gemeinsame Standards zu entwickeln.
Nicht jedes Vegetationsbrandszenario rechtfertigt den Einsatz von Retardant. Dort, wo klassische Löschverfahren jedoch an ihre Grenzen stoßen oder wertvolle Zeit gewonnen werden muss, kann es ein wirkungsvolles zusätzliches Werkzeug darstellen.
Entscheidend bleibt wie bei jedem Einsatzmittel: Der Erfolg hängt nicht allein vom Produkt ab, sondern von einer guten Planung, einer sicheren Logistik und Einsatzkräften, die mit dem Verfahren vertraut sind.



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